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Die Geschichte der Bürgervereinigung
Wer wir sind
Die BÜRGERVEREINIGUNG HOFHEIMER ALTSTADT e.V. wurde 1974 gegründet, um den drohenden Abriß der Altstadt zu verhindern.
Heute ist der Erfolg sichtbar.
Auch nach Beendigung des Sanierungsprogramms bleibt uns die Aufgabe, das typische Hofheimer Stadtbild vor baulicher Zerstörung zu schützen.
Was wir tun
- wir fördern den Erhalt der Altstadthäuser und fördern die Sanierung
- wir wollen die Wohnqualität in der Altstadt erhalten und verbessern
- wir dokumentieren die Geschichte der Altstadt und ihrer Bewohner
- wir bieten fachkundige Altstadtführungen an
- wir veranstalten Vorträge und Gesprächsabende zum Thema Altstadtsanierung und Stadtgeschichte
Wenn Sie mehr über die Hintergründe und Stimmungen in den ersten 20 Jahren (1974 - 1994) des Bestehens der Bürgervereinigung erfahren wollen, lesen Sie:
Ansprache zum 20-jährigen Bestehen der Bürgervereinigung Hofheimer Altstadt:
Erika Haindl:
20 Jahre "Bürgervereinigung Hofheimer Altstadt"
Einen Rückblick auf die Geschichte der Bürgervereinigung Hofheimer Altstadt zu geben wäre einen Abstecher in die Betrachtung auch über den schnellen Verlauf des eigenen Lebens wert. Irgendwo im Dahinfließen des Alltäglichen haben wir uns alle an unsere schöngewordene Stadt gewöhnt. Vergessen sind die vor zwanzig Jahren geplanten Modernisierungsvarianten für die historische Innenstadt. Die Schreckensbilder des Wasserfurthschen Plans mit der stadtzerstörenden Parallelachse zur Hauptstraße ebenso wie die Planungsvorschläge verschiedener Parteien, Interessengruppen und Bauträger für das Neumannsche Gelände und den Distrikt A nach den Vorstellungen, alles abzureißen und modern und hoch und möglichst ökonomisch ergiebig neu zu bebauen.
Und vor allem: Auto-gerecht!
Der Mensch vergißt schnell. Wir sind weitgehend zufrieden mit den Maßstäben der Innenstadt, die sich noch als an unseren eigenen Körpermaßen orientiert erweist, und wir freuen uns an den verkehrsverlangsamenden Blumenkaskaden, sorgfältig vom Gartenamt gepflegt, und natürlich: auch an der Fußgängerzone in der Hauptstraße. Im Prinzip ist aus einer Utopie weitgehend Realität geworden.
Lesen Sie die in sachlichen und auch manipulierenden Plänen aufgezeichnete Schreckensgeschichte einer vor zwanzig Jahren für möglich gehaltenen Stadtveränderung und die Berichte über den Kampf um die Sanierung in der zum Jubiläum erstellten Dokumentation der Bürgervereinigung in einer ruhigen Stunde nach. Vielleicht suchen und finden Sie dabei Ihren eigenen Anteil in diesen zurückliegenden zwanzig Jahren.
Eine kleine Szene möchte ich für diejenigen, die damals dabei waren und auch heute da sind, in die Erinnerung zurückrufen: Die Parlamentssitzung vom 12. Dezember 1973, in deren Verlauf ich für die SPD-Fraktion einen Antrag auf Erarbeitung einer Ortssatzung stellte.
Das ist jener Antrag, der den Zug in die Gegenfahrrichtung zu den bisherigen Maßnahmen schieben sollte, ein Gleiswechsel mit viel Getöse. Meine Fraktionskollegen warnten mich, daß ich mich nicht zu weit aus dem Fenster hänge, vor allem nichts in Bezug auf die Ortsteile äußern dürfe, denn niemand wolle etwas von Denkmalschutz wissen.
Gudrun Kemman, damals für die CDU im Stadtparlament, trug eine Erwiderung vor, die mir lebendig in der Erinnerung geblieben ist. Hofheim sei zwar nicht Rothenburg, aber wert, daß man dem Prüfungsauftrag folge, auch, um zu einer Übersicht zu kommen, was erhaltenswert sei und was nicht. Es freut mich heute noch, daß sich am Beginn der Auseinandersetzung um die Erhaltung der Hofheimer Altstadt zwei Frauen zu Wort gemeldet haben, zwei Frauen die Alternative zu einer rücksichtslosen Vernichtung unserer durch viele Generationsfolgen gewachsenen Stadt vertreten haben.
Im Vorfeld der Gründung der "Bürgervereinigung Hofheimer Altstadt" standen keine Historiker, keine Heimatforscher, die sich normalerweise darum bemühen, altes und traditionsreiches Kulturgut des sogenannten kleinen und auch des größeren Volkes zu retten, sondern drei Vertreter jener Generation, der man nur zu oft vorwirft, keine Hochachtung vor überkommenen Werten zu haben, zumal in jenen Jahren nach den Unruhen von 1968/69, wo wie kaum zuvor die Bruchlinien zwischen den Lebenskonzepten der mittleren und der jüngeren Generationen zutage traten.
Im Vorfeld der Gründung der "Bürgervereinigung Hofheimer Altstadt" betraten drei junge Studenten voller Elan und auch manchesmal mit naiv zu nennender Unbefangenheit im Umgang mit den alten Hofheimern die Szene der Hofheimer Öffentlichkeit, die zu dieser Zeit in der Diskussion um die Stadterhaltung die ganze Palette von sachlichen Argumenten bis hin zu schlimmen Verleumdungen aufwies.
Eines Tages lag ein Brief eines mir damals unbekannten Herrn Klein in unserem Briefkasten, mit einer Anfrage, wie er und seine beiden Freunde mir in dieser Auseinandersetzung um den Denkmalschutz helfen könnten. Sie wären empört, wie unsachlich und bösartig die Diskussion in der Öffentlichkeit geführt würde. Ich rief diesen unbekannten Studenten Armin Klein an. Das Ergebnis kennen Sie: Es war die Gründung der Bürgervereinigung Hofheimer Altstadt.
Die Gründungsversammlung vor 20 Jahren hatte den Charakter eines konspirativen Treffens. Wie brisant die Atmosphäre damals war, läßt sich daran ablesen, daß Sie den Namen Haindl auf der Liste der Gründungsmitglieder vergeblich suchen werden. Heute mag dies unverständlich erscheinen, aber damals sollte dem jungen Verein ein unabhängiger Start ermöglicht werden, wenn auch schnell der Hermann Haindl- sche Zeichenstift die Informationen und Mitteilungen der jungen Initiative für die Öffentlichkeit in eine unverwechselbare Bildersprache umsetzte, die in der Erinnerung hängen blieb.
Im Rückblick besteht kein Zweifel, daß die mit der rasanten Veränderung nach 1945 verbundenen tiefgreifenden gesellschaftlichen Konflikte besonders heftig in den späten 60er und frühen 70er Jahren aufbrachen. Für die großen politischen Fragestellungen ist hier heute Abend keine Zeit. Gleichwohl gehören sie zum Thema. Einen deutlichen Impuls erhielt die theoretische Auseinandersetzung durch das Buch von Mitscherlich zu der "Unwirtlichkeit unserer Städte". Die zunehmend urbaner werdende Wirklichkeit ließ sich bis an die Ränder der Ballungszentren feststellen, wo nicht nur ökologisch wichtige Naturräume verloren gingen, sondern sich auch menschliche Nähe mehr und mehr in anonymen Hochhäusern verirrte.
Was zwischen den Menschen geschieht an Fremdbestimmung, an Durchsetzung von Gruppeninteressen, an marktorientiertem Kräftemessen, das schafft sich einen deutlichen Ausdruck nicht zuletzt in den Veränderungen der sichtbaren Umwelt. Die damals massiv einsetzende Vermarktung und Umgestaltung der Hofheimer Innenstadt begann, für Einige auch in Hofheim bedrohliche Ausmaße anzunehmen.
Zur gleichen Zeit sackten ganze Quartiere in der Hofheimer Altstadtlage durch den Verfall der Bausubstanz sozial ab, verödeten. Wer konnte, zog weg, baute am grünen Stadtrand, schaute sich nach einer Wohnung im sozialen Wohnungsbau um. Veränderungssperren und die Abrisse von Altstadthäusern, die die Stadt aufgekauft hatte, um damit die neubauorientierte Stadtveränderung vorzubereiten, erstickten jede versuchte Eigenhilfe der weiterhin ausharrenden Altstadtbewohner im Keim, wandelten gleichzeitig den Überlebenswillen der wenigen Übriggebliebenen entweder in Wut oder Resignation. Bei vielen Hofheimern in der Gesamtstadt wuchs die Sensibilität nicht nur für Umweltqualitäten, sondern auch für demokratische Rechte. Zum Beispiel für das Recht auf die Bewahrung des lokalen historischen Erbes.
Der entscheidende Punkt war: Parlament und Verwaltung fanden damals offensichtlich in weiten Kreisen der Bevölkerung kein Vertrauen, daß sie fähig wären, eine sinnvolle Lösung zu finden. Es ist hier leider nicht die Zeit, darauf einzugehen, warum die direkt betroffenen Bewohner der Altstadt sich zunächst der Bürgervereinigung verschlossen und erst langsam überzeugt werden konnten. Zunächst war auch aus beträchtlichem Eigennutz eines großen Grundeigentümers systematisch Mißtrauen gegen die kleine, eher intellektuelle Gruppe von Altstadt-Verteidigern aus den grünen Randgebieten der Stadt geschürt worden. Dessen ungeachtet konnten in wenigen Monaten 150 Mitglieder geworben werden.
Das in langen Jahren zustandegekommene Ergebnis einer eindrucksvoll sanierten Stadt gibt denjenigen Recht, die, an welcher Zeitmarke dieses Prozesses auch immer, für die Erhaltung der historischen Quartiere votierten. Heute kommen an schönen Sommertagen ganze Scharen von Fremden, gehen durch die Straßen, fotografieren, bewundern die Lebensqualität hier, kaufen in dem sanierten Hofheim ein.
Für diejenigen, die sich für die Bewahrung der alten Stadt engagierten, standen von Anfang an klare Vorstellungen hinter dem Bemühen. Es ging nicht darum, Geschichtszeugnisse um ihrer selbst zu erhalten. Das Ziel war nicht die Erhaltung der Vergangenheit, um sie nostalgisch zu verklären und damit besser zu vermarkten. Wer sich ernsthaft mit der Vergangenheit Hofheims beschäftigt, fand vor zwei Jahrzehnten noch jede Menge Zeugnisse auch bitterster Armut, wo heute teure Modeartikel verkauft werden. Es ging den Mitgliedern der "Bürgervereinigung Hofheimer Altstadt" um die Erhaltung und Aufwertung des Wohnstandortes Altstadt mit all seinen verbesserungsfähigen Wohnumfeldqualitäten.
Von Anfang an vertrat die Bürgervereinigung eine ablehnende Haltung zum Substanzaustausch und den, mit dem nur scheinbar originalgetreuen Wiederaufbau verbundenen Korrekturen des Erscheinungsbildes. Hier ein bisschen schöner als das bescheidene Original, dort wesentlich größer als das Original: so wird die Historie zur Ware, die dann freilich, wo immer es auch gewünscht wird, eine dekorative Verwendung finden kann. Austauschbar und der Frankfurter Römerberg als Vorbild! Auf inhaltlich ganz bescheidener Ebene fand dieses nostalgische Bedürfnis entlarvend und beispielhaft eine Anwendung in einem originalen Fachwerkbalken, aufgehängt über der Theke des Restaurants in der modernen Stadthalle.
Der Besitzer war seinerzeit mächtig stolz darauf gewesen. Der Balken hat glücklicherweise seinen peinlichen Aufenthalt inzwischen beenden können; wo das wertvolle Stück Eichenholz gelandet ist, ich weiß es nicht.
An dieser Stelle soll die hessische Landesregierung mit Dank erwähnt werden, denn wäre damals nicht die entscheidende gesetzliche Grundlage zum Schutz des historischen Erbes geschaffen worden, dem zunächst relativ kleinen aktiven Trupp kritischer Bürger und Bürgerinnen der Bürgervereinigung hätte der eigene Zorn und die eigene Überzeugung wenig genutzt. Das hessische Denkmalschutzgesetz kam für Hofheim gerade rechtzeitig: Es hat den, um den Erhalt der Altstadt kämpfenden Bürgern eine stabile gesetzliche Grundlage gegeben. So konnte der historische Ehry-Hof, das heutige Jugendzentrum, in einer wahrhaft pionierzeittypischen Aktion unter Schutz gestellt und damit gerettet werden. Die Kommune und auch die an der innerstädtischen Verkehrserschließung und der Neubebauung interessierten Teile der Öffentlichkeit waren fortan an die neuen gesetzlichen Vorschriften gebunden. Das historische Hofheim hatte zwar in der Zwischenzeit keine Ortssatzung bekommen, aber stand unter Ensembleschutz mit einer Fülle von einzelgeschützten Denkmalen.
Die Denkmalschutzgesetze, die Mitte der 70er Jahre in kurzer Folge in allen Ländern der Bundesrepublik verabschiedet wurden, stellen einen wichtigen Schritt zur Demokratisierung unserer Gesellschaft dar; daran soll hier ebenfalls erinnert werden; der Kampf der Hofheimer Bürgervereinigung um Teilhabe an den Entscheidungen zur Gestaltung der eigenen Lebenswelt war damit, wie für viele vergleichbare Initiativen landauf landab legitimiert worden.
An einem solchen Tag sei ganz besonders Ihnen, Herr Prof. Kiesow, gedankt. Sie haben über die hessische Denkmalpflege hinaus einen entscheidenden Anteil auf europäischer und auf Bundesebene an der Durchsetzung des Gedankens der sanierenden Stadterneuerung. Von Ihnen bekam ich am Frankfurter kunsthistorischen Institut wichtige Impulse, nicht nur die berühmten Beispiele historischer Stadtgestaltung als Zeugnisse europäischer Kultur wahrzunehmen, sondern auch die eigene, historisch und kunsthistorisch relativ unbedeutende Heimatstadt. Durch eine solche Betrachtungsweise werden die Werte berühmter historischer Städte in keiner Weise geschmälert, im Gegenteil, sie sind die Spitze einer. Denn die Aufarbeitung von Geschichte hat bisher auch in Hofheim bedauerlich wenig stattgefunden, obwohl gerade die langen Jahre der stadterhaltenden Bemühungen allen demokratischen Kräften in der Stadt eine gute Möglichkeit für die lokale Geschichte geboten haben. Es gibt weder an der ehemaligen Synagoge in der Mitte der alten Stadt einen Platz- oder Straßennamen, der auf die jüdisch-religiöse Nutzung des ehemaligen Stadtturms und damit auf den Horror der Kristallnacht hindeutet. Die politischen Gremien der Stadt haben es bisher auch nicht für wichtig genug gefunden, einen berühmten jüdischen Mitbürger, den nach 1945 aus dem Exil zurückgekehrten expressionistischen Maler Ludwig Meidner, mit einem Straßen- oder Schulnamen in der Erinnerung der Bürger und Bürgerinnen zu verankern.
Auch heute noch gibt es kritische Bürger, die mehr Beachtung für die lokale Geschichte fordern. Aber ein Argument, ausgesprochen oder nicht, findet eben auch seine Anhänger: Auf einem "Tiverton-Plätzchen" lässt sich vergnügter Wein trinken und gutes Essen genießen als auf einem "Platz an der Synagoge". Dort würden vielleicht einzelnen von uns die Bissen im Hals stecken bleiben. Wer schert sich da schon gern um Geschichte. Und schön gemütlich mit den Fachwerkhäusern drum herum ist der Platz allemal.
Nichtsdestotrotz hat sich einiges verändert. Der Staatsrechtler Dr. jur. Hermann Hili, Staatsminister a. D. und Professor an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer, fordert in einem Artikel im Deutschen Verwaltungsblatt vom September 1993 von der Verwaltung neue Formen der Kommunikation und der Zusammenarbeit mit den Bürgern. Ohne Zweifel: Die Bürger werden mehr und mehr zu gleichberechtigten Partnern der Verwaltungen und dies hat einen Grund. Es geht, so Hermann Hili, darum, "einerseits die Handlungsunfähigkeit der Verwaltung in vielen Bereichen, andererseits die zunehmende Staatsverdrossenheit der Bürger abzubauen." Zugrunde liegt die Erkenntnis, dass ohne die Bereitschaft der Bürger und Bürgerinnen zur Übernahme von Mitverantwortung schon bereits im Entscheidungsprozeß auch außerhalb der bestehenden Formen der Delegationsdemokratie Planungen und Investitionen der Öffentlichen Hand letztendlich nicht die gewünschten Ergebnisse bringen können.
Entsprechend wird neuerdings fast ausnahmslos der Begriff "Mitwirkung" anstelle von "Beteiligung" verwendet. Ich werde nicht vergessen, wie in jenen stürmischen Anfangsmonaten des Stadterneuerungsverfahrens die offiziell den Bürgern zugestandene Beteiligung aussah. Auf der entsprechenden, vom Bundesbaugesetz vorgeschriebenen Bürgerversammlung: Bürgermeister, Stadtbaumeister, Bauträger in dunklen Anzügen, die Veränderungvorschläge in eindrucksvollen, sehr professionellen Plänen an den Wänden. Dies war die Stunde, in der die Bürger It. Gesetz ihrerseits Vorschläge einbringen konnten! Nach den Experten! Welch ein Verständnis von Wirklichkeit! Der Saal war voll mit aufgeregten Bewohnern der Altstadtquartiere, eine brisante Mischung aus Wut und Resignation. Die Herren stellten ihre Zukunftspläne vor. Da ist dann ein älterer Mann aus der Altstadt aufgesprungen und hat geschrien, dass er in seinem Haus wohnen bleiben wolle und ihm niemand durch die Tür käme, er habe die Axt dahinter stehen. Er wurde in seine Schranken gewiesen.
Der Mann ist inzwischen gestorben, aber sein Haus steht noch und seine Familie wohnt noch immer darin; ein bewohnenswertes, eindrucksvoll saniertes Haus. Es ist manchesmal gut, einen Blick zurück zu werfen, um zu erkennen, dass sich manches zum Guten verändert hat, nicht nur bei den Sachen, sondern auch im Hinblick auf unsere Umgangsformen.
Kehren wir zur Bürgervereinigung zurück. Zwei Dinge lassen sich bei einer Betrachtung. der Geschichte dieser Bürgerinitiative erkennen:
- Wir leben in einer Zeit der Gegensätze. Der scheinbar unentrinnbaren wirtschaftlichen und kulturellen Zentralisierung steht die verstärkte Hinwendung zu lokalen Organisations- und Mitwirkungsformen gegenüber. Wobei Neubürger und Altbürger einen schwierigen Weg zu gehen haben, bis sie zueinander kommen und gemeinsam ihre Interessen vertreten können. Geduld und die Fähigkeit zur Toleranz sind ebenso notwendige Voraussetzungen, wie Motivation und Kreativität.
- In einer kleinen Stadt wie Hofheim kann das Engagement von Einzelnen und Gruppen noch immer eher als in den großen Ballungsgebietszentren etwas bewirken, etwas verändern.
Stärker als vermutlich jemals zuvor muss jeder, muss jede von uns sich entscheiden, ob man/frau sich der Fremdbestimmung des vorfabrizierten Medien- und Freizeitbetriebs kritiklos überlässt und sich hinter dem Argument, man/frau könne ja sowieso nichts verändern, zurückzieht oder ob mit einer Entscheidung für die eigene Lebendigkeit das Risiko einer Auseinandersetzung mit der sozialen und politischen Umwelt eingegangen wird.
Die Freiheit, eigenverantwortlich zu denken und zu handeln, diese Freiheit ist allerdings kein gemütlicher Fernsehsessel, sondern erfordert eine klare Entscheidung für das eigene Leben und einen starken Charakter, weil ohne die im Prozess wachsende ganz persönliche Einsicht in einen höheren Sinn von gemeinschaftlicher, gemeinnütziger Arbeit gerät man schnell in Resignation oder passt sich an, und letzteres ist vermutlich noch bedauerlicher als das erstere.
Die Bürgervereinigung war in den letzten Jahren zum Teil in dieses Loch gefallen, in dem sowohl Resignation als auch Anpassung lauerten. Einige Gründe liegen auf der Hand: Die große Konfrontation der 70er Jahre war ausgestanden, der ehrenamtliche Elan in der Phase der Übereinstimmung der eigenen Ziele mit dem Handeln der Stadt gegen den Nullpunkt hin gesunken. Die allseits belobigte Verteilung der schönen Anerkennungsplaketten an die Eigentümer sanierter Häuser verschleierte die Talfahrt. Dies ist kein Vorwurf, sondern eine Feststellung. Die Ziele schienen erreicht, die an der Vereinsverantwortung Beteiligten hatten auch ihr eigenes Leben zu leben, hatten ihre eigenen Sorgen. Dies lässt sich verstehen; Bedauern darf man diese Entwicklung dennoch allemal.
Jede sich demokratisch verstehende Gruppe wirkt mit an der Vielfalt und der Lebenskraft unseres Gemeinwesens. Wer wüsste dies inzwischen nicht, wenn auch die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung in Etatkürzungen für die ehrenamtliche Kultur eine Lösung für die leeren Kassen suchen: Die Vielfalt der Mitwirkung der Bürger in allen Bereichen des öffentlichen Lebens ist der beste Garant auch für eine gute ökonomische sowie politische Lebendigkeit.
Wir sollten uns bei denjenigen bedanken, die die absinkenden Linien der gemeinnützigen Energien im vergangenen Jahr wieder gesammelt und gebündelt und mit neuem Leben erfüllt haben. Hier sei besonderer Dank an Frau Friedrich gerichtet, die als Erste Vorsitzende die Hauptarbeit leistet.
Die Bürgervereinigung hat in der Vergangenheit in ihrem Bemühen um die räumliche und soziale Gestaltung unserer gemeinsamen Stadt viele Anregungen gegeben, die dazu beigetragen haben, diese Stadt lebendiger zu machen. Vorträge, die Altstadtfeste und die Handwerkerseminare seien erwähnt. Vor 20 Jahren wusste kaum noch ein Handwerker, wie mit historischer Bausubstanz umgegangen werden musste. Besonders wichtig waren auch die Fahrten zu anderen, Hofheim vergleichbaren Städten, die bereits Sanierungserfahrungen hatten. Bürgermeister Flaccus, Parlamentsmitglieder und Experten aus der Verwaltung haben in den 70er und den frühen 80er Jahren mit großer Lernbereitschaft die Exkursionsangebote der Bürgervereinigung zur eigenen Erkenntnisgewinnung genutzt. Auch die Zusammenarbeit in der Altstadtkommission mit allen darin vertretenen Gruppierungen aus der Bürgerschaft war trotz vorhandener Interessensgegensätze immer außergewöhnlich sachlich und von gegenseitiger Akzeptanz gekennzeichnet.
Zwar hat die Stadt in ihrer Dokumentation der offiziellen Planungsentwürfe für die Altstadterneuerung es geflissentlich vergessen, die Bürgervereinigung Hofheimer Altstadt als die impulsgebende Kraft für die erhaltende. Sanierung der alten Quartiere auch nur andeutungsweise zu erwähnen - der Gründungsvorsitzende Armin Klein konnte sich damals nach Erscheinen der eindrucksvollen städtischen Broschüre die Frage nicht verkneifen: "Da war doch was?" Solche peinlichen und überflüssigen Verweigerungen von Anerkennung seitens der Öffentlichen Hand muss man verkraften können, wenn es um die Sache geht.
Weniger großzügig allerdings sollte sich die Bürgervereinigung heute der Tatsache gegenüber verhalten, dass sich die Zahl der Sitzungen der früher so effizient arbeitenden Altstadtkommission in den letzten Jahren so auffallend in Richtung Nullpunkt senkte. Denn das jetzige Ausbleiben von Einladungen des Magistrats zum Zusammenkommen der Expertinnen und Experten aus der Bürgerschaft lässt sich nicht gleichsetzen mit einer Beendigung der Aufgaben im Sanierungsbereich. Wer offenen Auges durch die Kernstadt geht, findet genügend Ansatzpunkte für Bürgermitwirkung. Niemand wird ernsthaft behaupten können, es gäbe keinen Beratungs- und Handlungsbedarf.
Diejenigen Träger öffentlicher Ämter und Mandate, die nicht so viel von kritischen Bürgern halten, etwa auch einwenden, das würde alles viel zu viel Zeit in Anspruch nehmen, mögen bedenken, was das Land Hessen in der zeitlich nach der Stadtsanierung begonnen Dorferneuerung zum Thema Mitwirkung der Bürger und Bürgerinnen sagt: "Wichtig für die Erneuerung eines Ortes ist eine breite Diskussion der Bürger um die Zielrichtung der Weiterentwicklung und die Suche nach neuen Ideen und Projekten. Die aktive Beteiligung der Menschen kann am ehesten zu sinnvollen Initiativen führen."
Gerade angesichts des sich ausweitenden Ballungsgebietes, das mehr und mehr Hofheim in die große Rhein-Main-Agglomeration einbindet, sollten wir uns an solchen Aussagen orientieren, denn die Möglichkeit des Vertrautseins mit den Straßen- und Gassenräumen der Stadt, in der man wohnt und vielleicht sogar auch arbeitet, das noch immer gegebene Vorhandensein von alltäglichen nachbarschaftlichen Kontakten und auch das Vergnügen daran, dass unsere Nachbarn noch immer auch charaktervolle Individualisten und nicht nur ferngesteuerte Konsumenten sind, macht das Leben in dieser Stadt lebenswert. Diese Überschaubarkeit dürfte, dies sei allen Befürwortern rasanter Modernisierungsmaßnahmen gesagt, den Industriestandort Rhein-Main-Gebiet nicht in Gefahr bringen, denn Menschen, die mit ihrer mitverantworteten Wohn- und Lebensqualität zufrieden sind, sind vermutlich auch mit einer guten Arbeitsmotivation und ökonomischer Kreativität ausgestattet.
Die Bürgervereinigung Hofheimer Altstadt ist aus einer etwas krisenhaften Ruhephase wieder herausgekommen und zu neuem Elan erwacht. Sie weist eine sich stabilisierende Verwurzelung in ihrer eigenen zwanzigjährigen Geschichte auf, wie die Dokumentation belegt. Dass dieser neue Schwung in den Positionen des Vorsitzes von drei Frauen angeführt wird, macht mich zudem heiter. Im Arbeitskreis kommen neben zwei Männern nochmals drei Frauen dazu. Dies stellt eine Anknüpfung dar an die ersten parlamentarischen Gehversuche von 1973, weg von der zerstörenden Stadterneuerung hin zur erhaltenden Stadterneuerung. Dass Gudrun Kemmann auch heute wieder diesen neuen Aufschwung als Zweite Vorsitzende mitträgt, sollte diese Stadt als Auszeichnung betrachten.
Es erfüllt mich auch mit Freude, dass Mitglieder der "ersten Stunde" noch immer zur Bürgervereinigung gehören. Und vor allem, dass neuerdings wieder neue Mitglieder dazukommen. In den Wochen der Vorbereitung für die Dokumentation und die damit in Verbindung stehende Archivierung des umfangreichen Bild- und Schriftmaterials hatte die Bürgervereinigung eine AnlaufsteIle in der oberen Hauptstraße; vor allem Bewohner und Bewohnerinnen der Altstadt sind gekommen und haben geholfen, alte Aufnahmen zuzuordnen, längst verstorbene "alte" Hofheimer und Hofheimerinnen beim Namen zu nennen.
Die gelungene "erhaltende Stadterneuerung" hat noch einen anderen wichtigen Aspekt, der zum Schluss erwähnt werden soll. Es geht darum, den Wohnort lebendig zu erhalten, aber nicht nur für uns, sondern auch unsere Kinder und Enkel sollen und müssen die Gelegenheit haben, sich mit dem Ort ihrer Kindheit und Jugend zu identifizieren, um unter Umständen aus dieser Identiät für die Findung ihres eigenen Lebenssinns eine verlässliche räumliche Basis zu finden. Gerade dieser in die Zukunft verweisende Aspekt legt uns die Pflicht auf, nicht träge zu sein und den vorhandenen politischen und kulturellen Spielraum zu nutzen. Nur so können wir gleichzeitig auch Europäer werden, denn wir brauchen in der soziokulturellen und sozioökonomischen Weite Europas für die eigene Person einen sicheren Standort. Und wo könnte dieser besser gefunden werden als an jenem Ort, mit dem wir uns identifizieren, in dem wir von anderen wahrgenommen und anerkannt werden, dessen Entwicklung wir mit beeinflussen können. Dies ist der Ort, der in der Sprache des Herzens unsere "Heimat" ist.
Unsere Umwelt ist so, wie wir sind: lebendig oder kaputt. Entscheiden wir uns für das Lebendigsein, und wer vor zwanzig Jahren Hofheim gekannt hat weiß, dass Hofheim schöner und auch lebendiger geworden ist. Dafür soll ohne jeden Zweifel auch großer Dank an Bund, Länder und Gemeinde für Fördermittel und geleistete Arbeit ausgesprochen werden. Aber vor allem will ich mit dem Dank an jene schließen, die sich in diesen zwanzig Jahren engagiert haben, beziehungsweise dies weiterhin tun. Ihnen gelten zum Schluss die guten Wünsche für Gesundheit und Energie, auch dass sie langfristig das Interesse an der Aufgabe nicht verlieren mögen. Vor allem gilt Ihnen/Euch der Wunsch für umfassende und ausdauernde Fähigkeiten zur Zusammenarbeit mit allen Beteiligten an dem komplizierten Prozess des Lebens in dieser Stadt.
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